Habe heute diesen interessanten Bericht im Spiegel Online gefunden:

Grabräuber in Neopren

Von Linus Geschke

Blaues Licht flutet das verrostete Heck, Korallen verzieren die Luken, Fische flitzen übers Deck: Schiffe am Meeresgrund üben auf Taucher eine besondere Faszination aus. Doch ihre Erkundung ist umstritten – rechtlich gelten Wracks, bei deren Untergang Menschen starben, als Seegräber.

9. Mai 1942, Atlantik, vor der Küste des US-Bundesstaates North Carolina: Ein deutsches Unterseeboot vom Typ VII C nähert sich in flachen Gewässern dem amerikanischen Patrouillenboot „USS Icarus“. Kommandant der U 352 ist der aus Ostpreußen stammende Kapitänleutnant Hellmut Rathke. Zwei Torpedos schießen die Deutschen auf die „Icarus“ ab. Beide verfehlen ihr Ziel – und das angegriffene Schiff eröffnet die Jagd auf das U-Boot.

In dem nur 38 Meter tiefen Wasser ist eine Flucht kaum möglich, und so lässt Rathke das Unterseeboot langsam auf den Meeresgrund absinken. Er hofft so, vom Suchgerät des Kriegsschiffes nicht entdeckt zu werden. Vergeblich – mehrere Wasserbomben detonieren, die deutsche Besatzung muss ihr Boot aufgeben. 32 Seeleute überleben, 17 sterben bei dem Angriff. Ende der siebziger Jahre tauchen Gebeine der Deutschen wieder auf: Knochen und Schädeln dienen als Dekoration im Schaufenster eines Tauchshops in Morehead City, zusammengesetzt wie die allseits bekannte Piratenflagge, der „Jolly Roger“.

Der Vorfall, später von einem US-Senator als „nationale Schande“ bezeichnet, löste eine weltweite Diskussion über das Tauchen an Kriegsgräbern aus, die bis heute nicht beendet ist. Was ist gesetzlich erlaubt, wo verläuft eine moralisch zu vertretende Grenze?

Schiffswracks bleiben Eigentum der Ursprungsländer

Rechtlich gesehen gehören Kriegsschiffe auch nach ihrem Untergang dem Land, unter dessen Flagge sie zuletzt fuhren. Kamen bei dem Untergang Menschen ums Leben und befinden sich deren Überreste immer noch an Bord, werden die Wracks zu Seekriegsgräbern, die durch völkerrechtliche Bestimmungen vor Plünderung und Bergung geschützt sind.

Für die Praxis bedeutet dies, dass Tauchgänge zu den Wracks meist erlaubt sind, ein Eindringen („Penetration“) jedoch nicht. Doch die Verbote gelten nicht viel: Das in polnischen Gewässern liegende deutsche Passagierschiff „Wilhelm Gustloff“ ist kaum noch als Schiff zu erkennen – sein Untergang 1945 mit rund 9000 Toten zählt zu den größten Schiffskatastrophen der Geschichte.

Zunächst wurde es von der stalinistischen Sowjetarmee mittschiffs gesprengt, dann geplündert und der größten Rumpfsektion und fast aller wertvollen Teile beraubt – unter anderem vermutete man das berühmte Bernsteinzimmer an Bord. Später fielen polnische Wracktaucher über das 45 Meter tief liegende Kreuzfahrtschiff her.

Ob Essbesteck, Teller oder Aschenbecher: In polnischen Wohnzimmervitrinen finden sich unzählige Artefakte, die von der „Wilhelm Gustloff“ stammen. Sammler legen für besonders dekorative Einzelteile, bevorzugt solche mit dem Hakenkreuz, bis zu fünfstellige Summen auf den Tisch. Heute ist das Wrack ein leer geräumtes Gerippe, bei dem nur noch kleine Bereiche der Bug- und Hecksektion erhalten sind. Selbst die Knochen der Toten – diese müssen geschätzt rund 60 Tonnen gewogen haben – sind verschwunden.

Wracktauchen im Roten Meer

Etwas anders sieht die Situation am vielleicht meist betauchten Wrack der Welt aus, der im Roten Meer nahe des Sinai liegenden „Thistlegorm“. Auch bei der Versenkung des britischen Nachschubtransporters am 6. Oktober 1941 durch deutsche Bomber kamen neun Seeleute ums Leben. Ihre Überreste wurden jedoch geborgen. Wiederentdeckt 1956 durch den französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau, wurde das Wrack bis 1991 wieder vergessen. Wohl auch, weil Cousteau die Koordinaten der Fundstelle nie veröffentlichte. Erst die gezielte Suche von deutschen Sporttauchern machte die Position allgemein bekannt.

Heute ist die „Thistlegorm“ eine der größten Unterwasserattraktion für Tauchtouristen, knapp 200 Tauchgänge werden im Durchschnitt täglich absolviert. Ob sich die Pressluftjünger, die die Ladung aus Lkw, Motorrädern und Flugzeugteilen bestaunen, der Geschichte des Wracks bewusst sind? Es ist auch Aufgabe der Tauchführer, ihre Gäste vor dem Tauchgang diesbezüglich zu sensibilisieren. Wie jede Stätte eines Unglücks, so haben auch Wracks Respekt verdient.

Wie wenig die Totenruhe unter Wasser zählt, sobald es um Kommerz geht, beweist ein Wrack rund 120 Kilometer weiter südlich im Roten Meer. In 30 Metern Tiefe liegt in der Nähe des ägyptischen Hafenstädtchens Safaga die „Salem Express“ auf dem Meeresgrund. Die ägyptische Fähre setzte 1991 von Dschidda in Saudi-Arabien über, kollidierte mit einem Riff und sank binnen 30 Minuten. Die Anzahl der Opfer, meist Pilger aus Mekka, konnte bei dem überladenen Schiff nur geschätzt werden – offiziell wurden 470 Tote angegeben, inoffizielle Quellen gehen von der doppelten Anzahl aus.

Wer zahlt, bekommt die Knochen

Das Wrack der „Salem Express“ ist kein Kriegs-, jedoch ein Seegrab und steht als solches ebenfalls unter dem besonderen Schutz der Gesetze. Auch dies ist allerdings reine Theorie. In der Praxis folgten recht schnell die ersten Ausfahrten mit Tauchbooten zu dem Wrack. Ab 1994 wurden Tauchgänge stillschweigend geduldet, bevor die „Salem Express“ später ganz offiziell als Tauchplatz freigegeben wurde. Auch wenn ein Großteil der Toten geborgen und das Hineintauchen ins Wrack untersagt bleibt: Die Plätze im Inneren, in denen man Gebeine finden kann, werden bei einigen ortsansässigen Tauchbasen unter der Hand als „Geheimtipp“ gehandelt. „You want to see bones, my friend? I can show you…”

Die in dem Tauchshop an der Küste von North Carolina ausgestellten Knochen der U-352-Crew wurden ein Jahr später wieder in das Wrack zurückgebracht. Der Plünderer erhielt eine Anzeige, und die Eingänge ins Innere des U-Bootes wurden durch amerikanische Marinetaucher verschlossen. Nur Monate danach waren die Bleche wieder demontiert. Heute ist U 352 eines der beliebtesten Ziele für Tauchausfahrten an der amerikanischen Ostküste. Werden Gebeine von den Tauchern gefunden, bringen sie sie in den Maschinenraum, wo die Knochen gesammelt und aufgestapelt werden.

Ein Tauchteam unter Führung der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) hat im Juli 2008 drei gesunkene deutsche U-Boote untersucht, darunter auch U 352. Laut den Forschern fehlt „praktisch jedes Artefakt, dessen man habhaft werden konnte“. Ziel der Untersuchung ist es, einen Eintrag der Wracks als historische Objekte in das „National Register of Historic Places“ zu erreichen, um sie besser schützen zu können: 66 Jahre nach Untergang.

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